Ein Jahrhundert im Schnelldurchlauf
Möbeldesign erfindet sich immer wieder neu und greift dabei erstaunlich oft auf alte Ideen zurück. Was einst revolutionär war, wurde zum Klassiker und später wieder zur Inspiration für eine neue Generation.
Wir möchten dich einmal durch 100 Jahre Möbeldesign im Schnelldurchlauf mitnehmen: anhand von sechs Möbelentwürfen aus unserem Sortiment, die ihre Zeit geprägt haben. Und wir beginnen dort, wo die Moderne ihre radikale Form gefunden hat.

1929 – Barcelona Chair
Für die Weltausstellung 1929 in Barcelona entwarfen die Designer Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich den Deutschen Pavillon. Und mit ihm den heute legendären Barcelona Chair. Der Pavillon setzte auf eine damals radikal klare und offene Architektur. Und auch der Chair steht für dieses neue Denken der Moderne: Statt Ornament und Verzierung stehen Material und Konstruktion im Mittelpunkt. Nach Jahrzehnten schwerer, dekorativer Möbel war das ein radikaler Wechsel: weniger zeigen, mehr weglassen.
Und trotzdem steckte hier damals noch ein spannender Widerspruch: Der Barcelona Chair wirkt wie der Inbegriff industrieller Moderne, war aber zunächst noch ein aufwendig handgefertigtes Einzelstück.
1969 – EA 222 Soft Pad
Rund 40 Jahre später hat sich die Welt bereits verändert. Die Nachkriegszeit bringt neue Materialien, neue Produktionsmethoden und ein neues Verhältnis zum Alltag. Design wird funktionaler und der menschliche Körper selbst wird wichtiger. Sitzen soll nicht nur funktionieren. Es soll sich gut anfühlen.
Charles und Ray Eames beschäftigen sich zu der Zeit intensiv mit Ergonomie und der Frage, wie sich ein Möbel an den Körper anpassen kann. Der EA 222 Bürostuhl steht stellvertretend für diesen Wandel: Die Konstruktion bleibt präzise und reduziert, aber der Komfort wird wichtiger.
Aus dem Möbel als Ausdruck von Architektur wird ein Möbel, das immer mehr am Menschen und seinen Bedürfnissen orientiert.
1973 – Togo
Dann kommt ein Möbel, das mit fast allem bricht, was man bis dato von einem Sofa gewohnt war. 1973 entwirft Michel Ducaroy für Ligne Roset das Togo. Die 70er-Jahre sind eine Zeit des gesellschaftlichen Wandels und das zeigt sich auch im Möbeldesign.
Die strenge und funktionale Wohnwelt der vergangenen Jahrzehnte verliert an Bedeutung. Wohnen wird persönlicher, informeller und entspannter. Niedrige Sitzmöbel, weiche Formen und offene Wohnkonzepte passen zu einem Lebensstil, bei dem man nicht mehr unbedingt „korrekt" sitzen möchte und das Togo treibt diese Idee auf die Spitze. Das Sofa wird vom repräsentativen Möbel zum ganz persönlichen Lieblingsplatz.
1980 – Wink
Sieben Jahre später geht die Reise weiter in diese individuelle, verspielte Richtung, denn die 1980er-Jahre bringen endgültig die Postmoderne. Und damit eine bewusste Verabschiedung von der Vorstellung, dass gutes Design immer nüchtern und seriös aussieht.
Ein Möbel darf plötzlich Charakter haben. Es darf humorvoll sein. Es darf auffallen. Es darf eine Reaktion provozieren. Es darf auch emotional sein. Der Wink-Sessel von Toshiyuki Kita verkörpert diesen Gedanken wirklich bildlich. Seine markanten Kopfstützen erinnern an Ohren und der Sessel wirkt einfach charakterstark. Cassina beschreibt den Entwurf selbst als vielseitig und von westlichen wie östlichen Einflüssen geprägt.
1990 – Vitra Metropol
Mit der Jahrtausendwende kommt auch nach und nach ein neuer Technikoptimismus ins Möbeldesign. Chrom, Glas und glänzende Oberflächen sollen futuristisch wirken, Funktionen werden sichtbarer und Möbel werden zunehmend verstellbarer und multifunktionaler. Denn die kommenden Telefone, Computer, MP3-Player und jede Menge neuer Gadgets wollen irgendwo untergebracht, angeschlossen und organisiert werden. Möbeldesign reagiert darauf und wird flexibler, funktionaler.
Der Vitra Metropol zeigt diesen Wandel ziemlich gut. Der Schreibtisch passt sich damit einer Zeit an, in der plötzlich immer mehr Technik unseren Alltag bestimmt.

2010 – Soft Dream von Flexform
Und wie sieht gutes Design heute aus? Während die vergangenen Jahrzehnte immer wieder mit neuen Formen, Farben und Materialien experimentiert haben, erleben wir heute wieder eine stärkere Wertschätzung für Reduktion, neutrale Töne und reduzierte Formen.
Der Soft Dream von Antonio Citterio für Flexform steht beispielhaft für diese zeitgenössische Ästhetik: großzügige Proportionen, weiche Polsterung und eine reduzierte Formensprache.
Ein Möbel soll heutzutage nicht unbedingt die gesamte Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es soll sich in den Raum und in die Umgebung einfügen. Komfortabel und alltagstauglich sein.
Das ist natürlich nicht das Ende der Geschichte. Denn parallel zur neuen Sachlichkeit lässt sich aktuell längst wieder eine neue Lust auf Farbe und expressive Formen beobachten. Wir bei Revive sind jedenfalls gespannt, welche Entwürfe in Zukunft bei uns landen. Und bis dahin freuen wir uns über all die guten alten Klassiker, die uns daran erinnern, dass gutes Design nie wirklich aus der Mode kommt.
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