Früher war nicht alles besser. Aber vieles hielt länger.

Thonet Kaffeehausstuhl aus massivem Bugholz
Ja, das ist tatsächlich Massivholz! Die geschwungenen Formen entstehen durch ein für die Zeit hochinnovatives Verfahren: In Maschinen wurde dampferhitztes Holz in Metallformen gebogen, was reproduzierbare, immer gleiche Bauteile lieferte.

Sonntagfrüh, mein Kaffee dampft und ich scrolle durchs Netz. Es ist doch wahnsinnig, wie viel es heute online zu kaufen gibt. Möbel kommen in in allen Ausführungen, Stilen und Preisklassen, die man sich nur vorstellen kann. Diese absolute Verfügbarkeit ist historisch gesehen ein völlig neues Phänomen und die Geschichte dahinter finde ich sehr spannend, deswegen will ich dir heute ein bisschen davon erzählen. Also schnapp dir selbst deinen Kaffee für eine kleine Geschichtsstunde:

Über Jahrhunderte waren Tische, Schränke und Betten nichts, was sich der normale Bürger einfach so kaufte, weil die Farbe so gut gefiel. Solche Dinge schaffte man sich oft nur einmal im Leben an, denn Möbel waren ziemlich wertvoll. Die Auswahl war begrenzt: Entweder man ließ sich etwas vom örtlichen Schreiner anfertigen oder man baute selbst. Möbel entstanden aufwändig als Einzelstücke in Handarbeit und die Materialien waren kostbar. Im Prinzip bestand fast alles aus massivem Holz, denn es gab schlicht kaum Alternativen.

Wer Geld hatte, zeigte das übrigens auch gern über seine Einrichtung. Die prunkvollen Säle von Versailles sind ein fast schon sündhaftes Beispiel. Ich nehme hier aber mal vorweg: Sich über die eigene Einrichtung auszudrücken, sollte nicht für immer nur den Superreichen vorbehalten sein.

Der Auslöser war natürlich die Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Dass die Produktion dadurch maschinell und hin zur Massenware wurde, wissen sicherlich die meisten. Maschinen bearbeiteten Holz viel schneller als von Hand und aus dem Einzelstück wurde ein Produkt.

Mindestens genauso wichtig war aber auch etwas, an das man zuerst gar nicht denkt: die Logistik. Denn was nützt eine Fabrik, die tausend Stühle produziert, wenn man sie nicht aus dem Dorf bekommt? Erst die Erfindung von Eisenbahn und Dampfschifffahrt machten den Transport billig, schnell und zuverlässig. Die Maschine hat das Möbel zum Produkt gemacht, aber erst durch die bessere Logistik war es überhaupt möglich, diese Produkte anzubieten. (Damals zwar über Katalog statt des Internets, vom Prinzip her aber ähnlich.)

Ein besonderer Stuhl steht beispielhaft für diesen Wandel: der Kaffeehausstuhl von Michael Thonet. Als er ihn 1859 vorstellte, war das eine kleine Revolution. Nicht nur wegen der innovativen Techniken der Serienfertigung, sondern weil der Stuhl überhaupt so durchdacht war. Man konnte ihn sehr effizient in Einzelteilen transportieren (angeblich 36 Stühle pro 1-Meter-Kiste!) und dann einfach am Zielort zusammenbauen.

In den Jahrzehnten festigte sich der Gedanke, dass gutes Möbeldesign nicht länger ein Luxus ist, sondern etwas, das allen zugänglich sein sollte. Diese Idee verdichtete sich bekanntermaßen am Bauhaus. Man stellte sich aber vielerorts die gleiche Frage: Wie stellen wir gutes Design her, das für normale Leute bezahlbar ist? Statt teurer Hölzer und mühsamer Handarbeit setzte man also immer mehr auf Industriematerialien wie Stahlrohr und Schichtholz. Witzigerweise kam Designlegende Marcel Breuer angeblich auf die Idee mit dem gebogenen Stahlrohr beim Blick auf den Lenker seines Fahrrads. Damals galt das Material allerdings als so unverschämt industriell, dass viele es gar nicht im Wohnzimmer haben wollten.

Mich fasziniert daran vor allem das Grundgesetz der Evolution: Innovation entsteht dann, wenn es ein Problem zu lösen gilt. Ein Dorfschreiner von früher, der für die Familie Müller drei Häuser weiter baute, stellt sich nicht die Frage, wie er 36 Stühle in eine Kiste bekommt. Thonet, der seine Stühle irgendwie noch wirtschaftlich an den Mann kriegen musste, aber eben schon.

Und genau dieses Muster wiederholt sich. Das nächste große Problem kam mit dem Zweiten Weltkrieg: Millionen Menschen mussten sich irgendwie neu einrichten, während es an allem fehlte. Vollholz und Stahl konnte sich nun niemand mehr leisten und es gab auch viel zu wenig davon. Aus dieser Not heraus wurde aus einer alten Idee das nächste Massenprodukt: die Spanplatte, gepresst aus Holzresten und Spänen. Was böse Zungen heute als „Billigmöbel" abtun, war ursprünglich aber ein echtes Stück Demokratisierung des Wohnens. Und von dort ging es rasant weiter: Flat-Pack zum Selbstaufbauen, globale Lieferketten, immer neue Werkstoffe und Fertigungstechniken. Möbel wurden zur jederzeit verfügbaren Massenware.

Unsere Zeit stellt uns jetzt allerdings vor ein neues Problem: Wir haben zwar über ein Jahrhundert lang gelernt, Möbel immer günstiger und schneller zu produzieren, aber dabei verlernt, ihren Wert zu wahren. Hier setzen wir bei Revive an, wir sehen es als unsere Mission, ein Stück weit den Gedanken von früher zurückzuholen, dass gute Möbel lange halten und es wert sind, ihren Weg zurück in den Kreislauf zu finden.


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