70 Jahre Eames Chair: Was macht ein Möbel zur Ikone?

Kein Möbel steht so stellvertretend für die klassische Moderne wie der Vitra Eames Lounge Chair. Dieses Jahr feierte der Entwurf sein 70. Jubiläum, und ich finde, das ist doch Grund genug, mal etwas tiefer zu graben. Einerseits, warum der Stuhl so aussieht und wie er überhaupt entstanden ist. Und was das eigentlich bedeutet: dass ein Möbelstück zur Ikone wird?

Die Geschichte unseres Lieblingssessels beginnt nicht 1956, sondern schon viel früher

Charles und Ray Eames lernen sich 1940 an der Cranbrook Academy of Art in Michigan kennen. Er ist Architekt, sie Künstlerin. Noch im gleichen Jahr gewinnt Charles zusammen mit Eero Saarinen einen Wettbewerb des MoMA (Museum of Modern Arts in New York) für organisches Design im Möbeldesign. Ihr Beitrag ist schon damals: Sitzmöbel aus dreidimensional geformtem Sperrholz..

Was danach kam, hat mit Möbeldesign und bequemen Sesseln erst mal recht wenig zu tun. Denn während des Zweiten Weltkriegs erhielten Charles und Ray einen Auftrag der US-Marine: Bein- und Fußschienen aus Formsperrholz für verwundete Soldaten herstellen. Das Holz bearbeiteten sie abenteuerlich mit einer selbstgebauten “Kazam! Machine”, im eigenen Wohnzimmer. Angeblich sogar mit Strom, den Charles einfach mit einem langen Kabel vom nahegelegenen Strommasten abzwackte. Aber genau diese Technik (Holz unter Druck und Hitze in weiche, organische Kurven zu zwingen) wurde später zur Grundlage vieler ihrer Möbelentwürfe.

Eames Lounge Chair aus Formsperrholz und Leder

Der Lounge Chair, der zehn Jahre später kommen sollte, war also so gesehen das Ergebnis von anderthalb Jahrzehnten Materialforschung. Quasi von der Beinschiene zum Wohnzimmer-Prestigeobjekt.

Die eigentliche Initialzündung für den Entwurf des Lounge Chairs kam von einem Freund, Regisseur Billy Wilder. Er wünschte sich für seine Drehpausen einen Sessel, der bequem genug war, um darin einzuschlafen, aber auch elegant genug fürs Büro in Hollywood. Charles Eames soll seine Vision damals so beschrieben haben: ein Sessel, der sich anfühlt wie ein gut eingetragener Baseballhandschuh. Und wer schon mal Probesitzen konnte, versteht auch, warum dieses Bild bis heute gerne zitiert wird. Die Polster geben nach, ohne durchzuhängen, und man sitzt spürbar tiefer und lockerer als in jedem gewöhnlichen Sessel. Dass Billy Wilder darin öfter mal die Drehpause vergaß, kann ich mir jedenfalls gut vorstellen.

Als Vorbild diente dem Designerpaar der klassische englische Clubsessel, den sie in eine leichtere, moderne Form übersetzten. Diese ikonische Silhouette ist wirklich der perfekte Balanceakt zwischen warm und einladend, aber ohne den behäbigen Charakter alter Ledersessel. Das macht den Lounge Chair bis heute so vielseitig.

1956 stellte Herman Miller den Sessel dann öffentlich vor. Zwei Jahre später sicherte sich das Schweizer Unternehmen Vitra die Lizenz für den europäischen Markt, wo der Lounge Chair bis heute nach demselben Grundprinzip gefertigt wird.

Und was macht ihn jetzt zur Ikone?

Ein offizielles Gütesiegel für „Designklassiker“ gibt es bekanntermaßen nicht. Was zählt, ist am Ende eine Mischung aus mehreren Dingen: eine Formsprache, die optisch Trends überlebt, eine Konstruktion, die tatsächlich physisch gut standhält und eine Geschichte, die Menschen gerne weitererzählen. Der Eames Lounge Chair erfüllt alle drei Kriterien mühelos. Er ist mittlerweile mehr als sein Design, sondern auch Kultobjekt und taucht in unzähligen Filmen und Serien auf, wie beispielsweise in Tony Starks Penthouse oder im Anwaltsbüro von „Suits“. Weltweit wurden inzwischen über sechs Millionen Exemplare verkauft. Gleichzeitig wird er bei Vitra fast unverändert gefertigt wie 1956.

Das ist am Ende auch das, was ein Möbelstück für uns zum Klassiker macht: Es hält nicht nur optisch stand, sondern auch ganz praktisch. Kurz gesagt: Ein Sessel, der in 70 Jahren nicht ein einziges Mal neu erfunden werden musste.

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